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Der verschwundene Werwolf

Helga Rougui

Der verschwundene Werwolf

Was so passiert auf dem Dorfe

Nichts.

Nichts? Das ist nicht wahr.

Ich bekam vor zwei Wochen den Schreck des Jahrhunderts, als Fridolin, die schwarz-weiße Katze unseres Nachbarn, plötzlich in orange-weißes Fell gewandet über die Wiese fegte.

Ziehen sich Katzen jetzt neuerdings um? Womöglich zum Dinner ganz in Schwarz? Und werfen sie sich in Festkleidung, wenn sie in die Oper sprich ins Dorfgemeinschaftshaus ausgehen?

 

Ich merke gerade, dass ich wohl zu viele ältere englische Romane gelesen habe, denn der entscheidende Punkt ist doch der:

Was für eine fremde Katze war das denn? Und was ist aus Fridolin geworden? Ist er verschieden? Hat man ihn ersetzt? Weil er frech oder schwanger war? Ist er weggelaufen? Wohin? Ist es in Eimelrod oder in Welleringhausen schöner? Leckerer vielleicht?

Wir hatten früher, als ich klein war, auch Katzen, darunter eine, die eine Wanderkatze war, denn sie war schon mal gerne tagelang unterwegs, um sich von den Nachbarn dick und fett füttern zu lassen.

Vielleicht war die neue Katze ja so eine? Aber sie wirkte so, als sei sie bei den Nachbarn zu Hause, sie lief zielgerichtet Richtung Haustür und kannte ihren Weg.

Ich erinnerte mich an unseren Cäsar, eine orange Katze mit weißen Pfötchen, die eine Zeitlang unser Familienleben begleitete und auf einer stark befahrenen Straße hinter unserem Grundstück zu Tode kam. Ich als Älteste wurde zur Identifikation des Leichnams verdonnert und sehe noch heute den langgstreckten kleinen Fellkörper vor mir, wie er da reglos am Straßenrand lag.

 

Aber hier im Dorf eine stark befahrene Straße? Die Anwohner der Dorfstraße nicken gerade eifrig, sie haben die Freude, einen Lkw nach dem anderen tagtäglich an sich vorbeizischen zu sehen. Kein Vergleich mit Am Berghof, wo wir jedes Auto, das vorbeifährt, jubelnd und Fahnen schwenkend begrüßen!

 

Vielleicht sind aber auch gar nicht die Autos an Fridolins Verschwinden schuld. Vielleicht handelt es sich weniger um ein Drama als um einen gelungenen Liebesfilm. Vielleicht hat Fridolin zwischen den Bäumen unserer Wälder die Waschbärin seines Lebens getroffen und lebt jetzt mit ihr und ihren zwölf Waschbärbabys fröhlich und glücklich bis an sein Lebensende in ihrem Waschbärbau. Oder er hat sich vielleicht in irgendeine freundliche Kuh verliebt und ist zu ihr in den Kuhstall gezogen, und der verständnisvolle Landwirt hat ihn sozusagen adoptiert und fürderhin auch seine Ernährung übernommen.

 

Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Möglichkeiten, Überlegungen, Vermutungen.

Alles möglich, nichts sicher, nichts bewiesen.

Ich dachte bereits daran, einen Thriller mit den Titel "Die verschwundene Katze - doch ein Werwolf?" zu schreiben.

 

Da, gestern abend, wir saßen zusammen im Wohnzimmer, sagte plötzlich mein Mann, als er aus dem Fenster auf die Terrasse schaute:

"Übrigens, da ist Fridolin. Sitzt gerade bei der Weihnachtsdeko (wir sind etwas langsam im Abdekorieren) auf dem Rasen und putzt sich."

 

Wie schön.

Da ist er wieder da.

Oder war gar nicht weg.

 

Schuld war vermutlich der Schnee. Welche schlaue Katze verlässt denn das Haus, wenn der Schnee (fast) einen halben Meter hoch liegt?

Wer verlässt überhaupt das Haus, wenn der Schnee egal wie hoch liegt?

Aber schön siehts aus, oder?

 

P.S. Ich danke meiner Zeitungsfrau, die, egal obs schneit, regnet, stürmt, jeden Morgen in der Woche die Zeitung bringt.

 

Micky Maus

Helga Rougui

Micky Maus

Anfang der Sechziger.

Endlich Sommerferien.

Es geht nach Italien, per Bahn, die ganze Familie freut sich.

Der Papa, überzeugter und belesener Deutschlehrer, in Erwartung wochenlanger Erholung und antiker Überreste und allerbesten Rotweins, die Mama denkt sehnsüchtig an große Scheiben Mortadella, Riesenmelonen und endlich Sonne satt, und die kleine Dani weiß, dass sie mit ihren sieben Jahren endlich alt genug ist, um Holzsandälchen mit Absatz zu tragen. Als große Daniela wird sie einherstöckeln, und dazu gibt es noch ein Micky-Maus-Heft, auf Italienisch Topolino, was der Papa für Schund hält. Dani kann zwar die Sprache nicht, aber die Bilder angucken kann sie sehr wohl und freut sich daran.

 

Auf zum Bahnhof also, drei Plätze im Liegewagen, die Alpen werden überquert, und am nächsten Tag ist man in Italien.

Nach der ersten Nacht in Milano geht es mit dem Zug weiter nach Rom, es ist August, also heiß, der Zug ist voll, auch das Abteil, in dem die Eltern mit der kleinen Dani sitzen. Die vier Plätze an der Fensterseite werden von einer lautstarken italienischen Familie eingenommen. Um die Mittagszeit hieven sie ihren Koffer auf die Knie, der als Tisch dient. Fettglänzende Pergamentpapierpakete werden geöffnet, darin frittierter Fisch, frittierte Calamares, frittierte Cozze, das ganze Abteil riecht danach und wird dazu eingeladen.

Die drei Tedeschi sitzen auf der Gangseite, und ein Platz gehört einem Geistlichen in langer schwarzer Soutane, der freundlich lächelnd zugestiegen ist und sich hin und wieder auf dem Gang die Beine vertritt, genau wie der deutsche Papa. Der Regionalzug ist langsam, und ab und an muss man Luft schnappen.

.

Als sich der Vater wieder einmal im Gang befindet, kommt Dani zu ihm hinaus. Sie schaut mit ihm durchs Fenster, Bäume, Hügel, Dörfer, Kühe fliegen vorbei, oder sind sie es, die an ihnen vorbeifliegen.

Dani schweigt.

"Was ist denn, meine Kleine? Du sagst ja gar nichts. Gefällt dir die Reise nicht?"

"Doch, Papa, schon. Aber die Leute sind echt blöd."

"Wieso das denn? Die nette Familie hat uns doch sogar Fisch angeboten."

"Ja schon, und der war auch ganz lecker. Aber ---"

"Aber was?"

"Die haben meinen Topolino gegessen. Der ist nämlich weg."

Der Vater erinnert sich, Topolino ist das Comicheft, das sie der Kleinen vor der Abfahrt aus Mailand in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft haben.

"Also, ich glaube nicht, dass sie das Heft gegessen haben, man isst doch kein Papier."

"Aber es ist weg. Ich habe überall gesucht, es ist in keiner Ritze, und auf dem Boden auch nicht. Es ist nicht mehr da, und sie haben es gegessen."

Der Vater versucht das Töchterchen zu beruhigen, er sagt, man werde im Abteil noch einmal alles absuchen, das Heft werde sich sicher finden.

 

Gesagt, getan. Alle helfen mit, die italienische Familie, der Pater, alle schauen auf dem Boden und in den Ritzen zwischen den Sitzen nach, nichts.

Dani sitzt traurig da, hat nichts zu "lesen", wundert sich.

Sie döst ein wenig, trinkt einen Schluck Wasser, schreckt hoch, als sich der Pater ihr gegenüber erhebt, die Schiebetür des Abteils aufzieht und auf den Gang hinaustritt.

Und da liegt es, das Topolinoheft, auf dem Sitz des Geistlichen.

Leicht zerknautscht - Dani schnappt es sich, es ist noch warm von der Sitzfläche des Herrn.

Der Vater lacht leise und denkt sich, tja, Comics sind echt fürn Arsch …

 

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