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Micky Maus

Helga Rougui

Micky Maus

Anfang der Sechziger.

Endlich Sommerferien.

Es geht nach Italien, per Bahn, die ganze Familie freut sich.

Der Papa, überzeugter und belesener Deutschlehrer, in Erwartung wochenlanger Erholung und antiker Überreste und allerbesten Rotweins, die Mama denkt sehnsüchtig an große Scheiben Mortadella, Riesenmelonen und endlich Sonne satt, und die kleine Dani weiß, dass sie mit ihren sieben Jahren endlich alt genug ist, um Holzsandälchen mit Absatz zu tragen. Als große Daniela wird sie einherstöckeln, und dazu gibt es noch ein Micky-Maus-Heft, auf Italienisch Topolino, was der Papa für Schund hält. Dani kann zwar die Sprache nicht, aber die Bilder angucken kann sie sehr wohl und freut sich daran.

 

Auf zum Bahnhof also, drei Plätze im Liegewagen, die Alpen werden überquert, und am nächsten Tag ist man in Italien.

Nach der ersten Nacht in Milano geht es mit dem Zug weiter nach Rom, es ist August, also heiß, der Zug ist voll, auch das Abteil, in dem die Eltern mit der kleinen Dani sitzen. Die vier Plätze an der Fensterseite werden von einer lautstarken italienischen Familie eingenommen. Um die Mittagszeit hieven sie ihren Koffer auf die Knie, der als Tisch dient. Fettglänzende Pergamentpapierpakete werden geöffnet, darin frittierter Fisch, frittierte Calamares, frittierte Cozze, das ganze Abteil riecht danach und wird dazu eingeladen.

Die drei Tedeschi sitzen auf der Gangseite, und ein Platz gehört einem Geistlichen in langer schwarzer Soutane, der freundlich lächelnd zugestiegen ist und sich hin und wieder auf dem Gang die Beine vertritt, genau wie der deutsche Papa. Der Regionalzug ist langsam, und ab und an muss man Luft schnappen.

.

Als sich der Vater wieder einmal im Gang befindet, kommt Dani zu ihm hinaus. Sie schaut mit ihm durchs Fenster, Bäume, Hügel, Dörfer, Kühe fliegen vorbei, oder sind sie es, die an ihnen vorbeifliegen.

Dani schweigt.

"Was ist denn, meine Kleine? Du sagst ja gar nichts. Gefällt dir die Reise nicht?"

"Doch, Papa, schon. Aber die Leute sind echt blöd."

"Wieso das denn? Die nette Familie hat uns doch sogar Fisch angeboten."

"Ja schon, und der war auch ganz lecker. Aber ---"

"Aber was?"

"Die haben meinen Topolino gegessen. Der ist nämlich weg."

Der Vater erinnert sich, Topolino ist das Comicheft, das sie der Kleinen vor der Abfahrt aus Mailand in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft haben.

"Also, ich glaube nicht, dass sie das Heft gegessen haben, man isst doch kein Papier."

"Aber es ist weg. Ich habe überall gesucht, es ist in keiner Ritze, und auf dem Boden auch nicht. Es ist nicht mehr da, und sie haben es gegessen."

Der Vater versucht das Töchterchen zu beruhigen, er sagt, man werde im Abteil noch einmal alles absuchen, das Heft werde sich sicher finden.

 

Gesagt, getan. Alle helfen mit, die italienische Familie, der Pater, alle schauen auf dem Boden und in den Ritzen zwischen den Sitzen nach, nichts.

Dani sitzt traurig da, hat nichts zu "lesen", wundert sich.

Sie döst ein wenig, trinkt einen Schluck Wasser, schreckt hoch, als sich der Pater ihr gegenüber erhebt, die Schiebetür des Abteils aufzieht und auf den Gang hinaustritt.

Und da liegt es, das Topolinoheft, auf dem Sitz des Geistlichen.

Leicht zerknautscht - Dani schnappt es sich, es ist noch warm von der Sitzfläche des Herrn.

Der Vater lacht leise und denkt sich, tja, Comics sind echt fürn Arsch …

 

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