Als das Wünschen noch geholfen hat ..
Helga Rougui
Die Party lief bestens, bald sollte das Buffet eröffnet werden, die Gäste freuten sich besonders auf die frisch von der Nordsee eingeflogenen Krabbenhäppchen, außer Martin natürlich. Martin war mein Mann und mochte keinen Fisch. Wo war er überhaupt? Versteckte sich sicher wieder mit seinen Kumpels im Wintergarten, um wer weiß was zu treiben.
Ich ging nachsehen.
Aha, da waren sie. Ich öffnete den Mund und wollte meinen Gatten zur Rede stellen – Moment mal, hatte ich da nicht eben Erich nackt gesehen? Was nahm das denn hier für Formen an ...
... aber, wie gesagt, als ich zum Reden ansetzte, kam kein Ton aus meinem Mund heraus.
Ich hatte nicht genau hingehört, was mein Göttergatte da hektisch vor sich hingebrabbelt hatte. Der andere, Paul hieß er, glaube ich, lachte sich über irgendwas kaputt, vermutlich hatten sie sich wie immer ihre hirnlosen Witze erzählt.
Ich räusperte mich erneut, aber es war, als ob mir ein trockener Wattebausch in der Kehle steckte – nicht unangenehm, nur alles, was ich an Worten und Tönen herauslassen wollte, verfing sich auf unauffällige Weise darin und erstarb.
Ich platzte bald, einerseits wegen des angestauten Wörtersees, andererseits vor Neugier, was es mit der rosa Kugel auf sich hatte, die gerade eilig davongeschwebt war. Hatte sie nicht eben das getan, was ich anscheinend nicht mehr konnte – gesprochen?
Ich wandte mich zu Martin und zeigte auf meinen Mund, den ich stumm auf und zu klappte wie ein Karpfen auf dem Trockenen. (Ich bin Deutschlehrerin und weiß, das ist ein abgegriffener Vergleich – aber manchmal sind sie passender als die matte Realität.)
Martin sagte: "Ja, mein Liebchen, was ist denn mit dir passiert?"
Ich hasse es, wenn er mich "Liebchen" nennt, und dumme Fragen rhetorischer Natur hasse ich auch.
Ich drehte mich auf dem Absatz (Manolos, himmelblauer Satin, silberne Kristallschnalle, 949 Euro) um und ging.
In die Richtung, in die die rosa Kugel verschwunden war.
Ich fand das Wesen im Gästebadezimmer, wo es zusammengekauert auf dem Badewannenrand hockte und vor sich hin weinte. "Wieder so ein Depp, der sich was wünscht, das zu erfüllen überhaupt keinen Spaß macht. Warum muß ich immer an die wirrköpfigen Blödmänner geraten?" konnte ich mir zwischen den saftigen Schluchzern, die sich ihm entrangen, zusammenreimen.
Ich dachte: Wenn ich denn reden könnte, würde ich dir gern erklären, wes Geistes Kind mein Ehemann ist, aber ich bin ja auf stumm geschaltet. Hast du eine Ahnung, warum?
Das Wesen hob den Kopf und sah mich aus tränenfeuchten Augen an. Blitzschnell schaltete es auf wortlose Kommunikation, und ich hörte die Antwort in meinem Kopf:
Das hast du wohl deinem Martin zu verdanken. Von seinen mißglückten Wünschen war der dritte, daß du für immer den Mund halten mögest.
Moment mal, dachte ich zurück, du willst sagen, er hatte drei Wünsche frei und hat sich nur Unsinn gewünscht? Bist du eine Fee oder so was?
Ich bin ein Flaschengeist, entgegnete das Wesen, und Allah hat es gefallen, mich gestandenen Mann in Pink einzukleiden – wie peinlich ist das denn? Aber Der-Der-die-Gaben-Ausreichend-Und-Großzügig-Gewährt will auch ab und zu seinen Spaß haben, und es freut mich, wenn ich ihn zum Lachen bringen kann – aber ich schweife ab. Ja, dein Mann hatte drei Wünsche frei, und von seiner Warte aus wirkten sie situativ recht vernünftig.
Ich verzog das Gesicht.
Stell dich nicht so an, Pink ist doch prima. Und du findest also auch, daß mir eine ausgedehnte Schweigephase gut täte?
Die – wie ich jetzt wußte - männliche Kugel zuckte mit den rosabeblusten Schultern. Was soll ich machen, ich bin ein Mann, und wir können es nun mal nicht leiden, wenn ihr Weiber bei Adam und Eva anfangt, wenn ihr uns was Banal-Gegenwärtiges erklären wollt.
Ich funkelte ihn an, er funkelte zurück. Die Luft war schwer geladen vom Kampf der Geschlechter. Dann wagte ich einen Vorstoß zu meinen Gunsten:
Nun mal zur Sache, Schätzchen, was ist mit mir? Ich habe dich gejagt, ich habe dich gefunden, ich habe dich festgenagelt - und jetzt habe ich auch drei Wünsche frei, oder?
Das Flaschenwesen nickte, ergeben in sein Schicksal. Ja, so ist es. So will es das eherne Flaschengeistgesetz. Also – ich höre?
Ich überlegte fieberhaft.
Ferien ohne Ende, eine sichere Position als Beamtin, ein schönes großes Haus, 27 Paar Manolos und 23 Paar Jimmy Choos, einen ansehnlichen Liebhaber, wie es Ronald, der Mann meiner besten Freundin, war, reichlich Geld für Shopping-Trips nach London und Paris – das war alles Kinderkacke, das hatte ich doch schon.
Sollte ich mir Ronald als Ehemann wünschen und Martin abservieren? Blöde Idee, ein Kerl ist wie der andere, und wenn ichs recht bedachte, war mir der Sex mit meinem hand- und standfesten Ehemann lieber als der mit Ronald, der immer so viel pseudophilosophisches Zeugs laberte, bevor er mal zu Potte kam. (Womit die Frage beantwortet wäre, warum ich mich mit meinem zugegebenermaßen etwas einfach gestrickten Ehemann ziemlich wohl fühlte – Intellekt ist eben nicht alles auf dieser Welt.)
All das Genannte kam nicht in Betracht.
Ich mußte eine höhere Ebene wählen.
Ewiges Leben? Ich hatte mal eine Geschichte gelesen, in der die Konsequenzen eines solchen Wunsches als überaus gräßlich und schauderhaft beschrieben worden waren, der Schuß ginge sicherlich nach hinten los.
Weltfrieden? War ich etwa eine Schönheitskönigin im Wettbewerb mit anderen hohlköpfigen wunderschönen leeren Botoxhüllen, die nicht wußten, was sie daherplapperten? Nein, gar nicht gut.
Gesundheit immerdar? Aber das würde dann wieder zum ewigen Leben führen und zu einem apathisch daliegenden, verrunzelten, völlig überalterten, aber pumperlgesunden Schatten meiner selbst -
Die rosa Kugel schaute mich spöttisch an. Gar nicht so einfach, was?
Ich strich mir meine dünnen, feinen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Im Badezimmerspiegel sah ich meine dicken Oberschenkel, bekleidet von einer Hose Größe 44.
Ach was, ich war auch nicht besser als andere Frauen.
Ich schaute dem rosa Kugelflaschengeistwesen in die Augen und dachte:
Ich wünsche mir, daß Gott seinen Irrtum berichtigt. Seinerzeit gab er mir dünne Haare und einen dicken Hintern.
Nun wünsche ich mir das Umgekehrte: dicke füllige Haare und eine schlanke, sportliche Figur.
Okay, gebongt, machte der Flaschengeist in meinem Kopf, und auf meinem Kopf fühlte ich alsbald eine wundervolle Haarpracht, meine Figur straffte sich und die jetzt übergroße Hose rauschte mir auf die Knöchel.
Und dein dritter Wunsch?
Ich lächelte fein.
Also, mein dritter Wunsch ist doch eigentlich sonnenklar, oder?
***
Gerade hatten Martin und Paul mit einem frisch geöffneten Bier auf die letztlich doch recht gelungene Wunschaktion angestoßen, als sich die Tür des Wintergartens öffnete und eine atemberaubende dunkelhaarige Schönheit den Raum betrat.
"Anita???"
Ich antwortete mit lieblich melodiöser Stimme:
"Martin, mein Schatz, willst du dich nicht mit deinem Kollegen zu uns gesellen? Das Buffet ist eröffnet – und es gibt Krabbenhäppchen, die magst du doch so gern ..."
Das Ei braucht sechseinhalb Minuten
Helga Rougui
Du schlägst die Augen auf, weißt, dass du die Bettdecke zurückschlagen musst. Sie ist schwer wie Blei. Um sich auf die Bettkante zu setzen, musst du nahe an sie heranrücken, dich auf den rechten Arm aufstützen und hochstemmen und die Beine aus dem Bett schieben.
Dann stehst du auf, stützt dich mit den Unterarmen auf den Rollator, und schon meldet sich die Hüfte. Leichter Schmerz - es wird ein guter Tag. Ein starkes Stechen - Ibu. 600 mg. Aber erst nach dem Frühstück. Wegen des Magens.
Ins Badezimmer. Klo, Waschen, Zähneputzen, Gesichtscreme, Puder, Kämmen, Parfüm. Kein Kajal mehr, zu viele Falten um die Augen. Immerhin hast du noch Augenbrauen.
Küche. Du bist geübt darin, dich auf den Rollator gestützt durch die Küche zu schieben und die notwendigen Handgriffe zu erledigen. Kaffeemaschine befüllen und Eierwasser aufsetzen. Sechs Eier bereitstellen, zwei für jetzt, vier für's Abendessen. Butter, Wurst und Käse, Marmelade aus dem Kühlschrank auf den Tisch. Tomate und Schlangengurke schneiden. Zwei kleine Gläser Orangensaft. Zwei Teller, zwei Tassen, wo sind die Lieblingstassen, Eierbecher, Servietten, Besteck. Salz, Pfeffer, Süßstoff. Pillen bereitlegen. Zwei Brötchen aufschneiden und auf die Teller legen.
Du wartest, dass die Eier kochen. Du beobachtest die Minuten, wie sie zu Sekunden zerfallen, eine Minute, noch eine … zwei … drei Minuten, vier … … sechs, sechseinhalb. Abgießen. Abschrecken.
Nebenan ein Geräusch. Dein Mann hat die Zeitung reingeholt und blättert sie durch. Er wartet, dass du ihn rufst.
Was du tust.
Ihr frühstückt.
Was liegt an heute? Arztbesuch? Nein.
Pflegedienst? Nicht heute.
Lebensmittellieferdienst? Auch nicht, das ist montags, heute ist Donnerstag.
Donnerstag - ach ja, die Getränke werden gebracht. Und die Putzdamen kommen.
Ihr habt bis dahin noch eine Stunde.
Dein Mann wird den neuen Unkrautvernichter ausprobieren. Anwenden bei nicht unter 10 Grad Celsius, Unkraut gleichmäßig einsprühen. Du denkst, warum die Mühe, es wächst doch nach.
Du wirst in die Waschküche gehen, die Maschine mit Kochwäsche befüllen, egal, was der Panda sagt. Es gibt Wäsche, die braucht hohe Temperaturen.
Was gibt’s zum Abendessen? Du hast keine Lust zu kochen, also holt dein Mann was beim Metzger - Rouladen mit Rotkohl oder Grünkohl mit Mettenden?
Rot oder Grün? Immer diese Entscheidungen.
Ach nee. So geht das nicht weiter.
Wie war das noch - alles neu macht der Mai, und der Winter ist vorbei. Nicht ganz der Originaltext, aber die Message ist klar.
Also - ich glaube, ich koche doch selber was.
Grüner Salat mit roten Tomaten an Kartoffeln mit Frühlingsquark.
Höchste Zeit, aus dem Winterquark zu kommen.
Der Sturm. Das Leben.
Helga Rougui
Der Wind war so stark, dass, traute sich ein Huhn aus seinem Stall, er es unverzüglich ergriff und vor sich her wirbelte, und es nahm Fahrt auf und wurde schneller als der Sturm, der mit Überlichtgeschwindigkeit hinterherfegte und Tonnen sich irre drehenden Sands als drohende Säulen in den schwarzen Himmel erhob. Die Hühner waren erstickt, wenn sie viele Kilometer weiter auf dem Boden auftrafen und zerplatzten wie reife Melonen, und wenn ihr Inneres sich wenig ansprechend über ganze Wiesen verteilte, kümmerte das keine Sau, die hatten selbst genug damit zu tun, nicht vom Tornado fortgetragen zu werden, und sonst konnte kein lebendes Wesen im Umkreis von Ariane Zeuge ihres Verendens sein, weil es keines mehr gab.
Das Huhn ruderte hektisch mit den kurzbeschnittenen Flügeln, nutzlose Dekoration seit seiner Kükenzeit. Das half wenig, war aber besser als nichts zu tun, während es von den entfesselten Sturmböen dahergezerrt wurde. Natürlich war es völlig hilflos, das wußte es. Hühnerinstinkt. Es hatte immer Furcht vorm Ertrinken gehabt oder vorm nächtlichen Marderbesuch, vorm Hofhund oder vorm Geschlachtetwerden natürlich. Daß es mal ein fliegendes Huhn werden würde, hätte es sich nie träumen lassen. Das Fliegen war ja soweit nicht das Problem, auch wenn es eher einem Getriebensein glich - die Landung machte ihm Sorge.
Eine Wasserung vielleicht? Aber wie navigieren? Und ein See würde als Landeplatz auch nicht geeigneter sein als der harte Boden. Bei dem Tempo, mit dem das Huhn dahersauste, wäre er wie ein harter Boden, mit allen Konsequenzen. Da fiele es auch nicht weiter ins Gewicht, daß es nicht schwimmen konnte. Seine Lage schien also aussichtslos. Während es innerlich alle Auswege verwarf, erhöhte der Sturm seine Geschwindigkeit und riss es aus den Gewitterböen durch dräuende Wolkenwände hoch in den azurnen Himmel hinaus.
Das Huhn schwebte einen kurzen, einen ewigen Moment lang in völliger Stille.
Der Orkan hielt den Atem an.
Beide verharrten, bewegungslos.
Es war eine große Freiheit in diesem Ausgeliefertsein. Kein Gegackse ums Eierlegen, kein Geglucke um den Nachwuchs, kein Gebuhle ums männliche Federvieh, kein Gekratze im Misthaufen.
Obwohl – er würde ihm fehlen, der tägliche Mist. Urinstinkende Strohhalmstummel, aber immer für eine Überraschung gut. Ein Symbol des Lebens.
Ein brutaler Wirbelwind stieß durch die Wolken, wand sich um das Huhn, würgte es blau und riß es quer durch das bräsige indifferente Wolkengedöns steil und pfeil in die nicht enden wollende Tiefe, was eine Illusion war, denn das Ende war nahe, und während seines rasenden Sinkflugs fühlte das Huhn
daß es das ja dann wohl gew
LMAA!
Helga Rougui
"Du musst … das letzte Haus vorm Wald … blau … rosa Tür … Halle … sehr groß … rechts …Wohnzimmer … Bücherschr-"
Sam hatte noch versucht, genauer zu erklären, wo im Haus sich sein Domizil befand, bevor er tot zu meinen Füßen zusammenbrach. Die Wunde war tief und tödlich - ein Wunder, dass er es bis zu mir geschafft hatte.
Ich sollte nun die freigewordene Wohnung beziehen. Ich war noch nie in der Stadt gewesen. Aber von jeher hatte in diesem Haus ein Mitglied unserer Familie residiert. Nach Sams Tod war klar, dass ich unsere Tradition weiterzuführen hatte. Es fiel nicht ins Gewicht, dass ich meine eigene Bleibe im Wald, umgeben von hohen Buchen am Rand eines kleinen Sees gelegen, sehr liebte. Dort umgab mich eine Stille, die ich sehr genoss. Und Gefahren gab es wenige in diesem Teil des Waldes. Wie ich an Sams Schicksal erkennen konnte, war das in der Stadt offensichtlich anders.
Nach dem Begräbnis, an dem nur drei, vier Freunde aus der Nachbarschaft teilnahmen, packte ich einen kleinen Koffer und machte mich auf den Weg. Es war ein langer, langer Weg, wenn man meine kurzen Beinchen in Betracht zog.
Ich verbannte den Gedanken an schmerzende Füße aus meinen Überlegungen und schritt tapfer aus.
***
Endlich, zwei Wochen und drei Kilometer später stand ich vor der rosa Tür des blauen Hauses. Es wirkte recht exzentrisch, und ich war versucht, Rückschlüsse auf die Bewohner zu ziehen. Immerhin zeigte die in der Tür eingelassene Katzenklappe, dass hier ein solches Tier ein- und ausging. Das erklärte auch den desaströsen Zustand von Sam, als er bei mir eintraf. Nun war es mein Schicksal, der Gefahr, die dieses Haus barg, entgegenzutreten.
Aber zunächst musste ich meine Wohnung beziehen, und dazu musste ich das Gebäude betreten,
Die Fenster rechts und links der Tür waren für mich viel zu hoch angebracht, außerdem klebte an der Scheibe links eine ziemlich abschreckende Fensterdeko - eine Folie, die einen schwarzen Katzenkopf mit glühenden grünen Augen zeigte.
Durch die Klappe traute ich mich auch nicht. Was für ein Desaster wäre es, wenn ich schon beim Hineinklettern auf den Feind treffen würde, dem ich sozusagen ins Maul stiege.
Also krabbelte ich ums Haus herum und erblickte eine Terrasse mit leicht angelehnter Terrassentür. Ich schlich mich an und warf einen Blick hinein. Eine Frau lag auf dem Sofa, bequem gegn mehrere Kissen gelehnt, die Fernbedienung in der Hand, und zappte durch alle Kanäle eines ausladenden Fernsehers, der sukzessive die unterschiedlichsten Geräusche von sich gab, und zwar in einer Lautstärke, die meinen Einzug sehr begünstigte.
Ich quetschte mich also durch den schmalen Spalt und verbarg mich sofort unter einem Bücherschrank, der auf elegant gedrechselten Füßen direkt rechts an der Wand stand. Das war eine gute Idee, denn an ebendieser Wand konnte ich ein dunkles Loch in der Leiste ausmachen - der Eingang zu der Wohnung, die ich beziehen sollte, präsentierte sich mir praktisch wie von selbst.
Ich eilte darauf zu, wäre beinahe über ein Lesezeichen gestolpert, das ziemlich verstaubt auf meinem Wege lag, und schlüpfte hinein.
Keinen Moment zu früh.
Hinter der Tür zum Flur hörte ich ein Maunzen, ich drehte mich um und sah, wie die Tür heftig aufgestoßen wurde, bis sie an den Türstopper knallte. Herein trabte ein ungeheuer fetter Kater. Seine Leibesfülle hinderte ihn nicht, umgehend auf den Couchtisch zu springen, wobei er eine Vase mit Blumen und ein Glas Rotwein, das dort stand, umwarf. Auch das Häkeldeckchen, auf dem das Glas abgestellt war, färbte sich dunkelrot.
Ich schnappte nach Luft, geschockt und aufgeregt - es sah aus, als ergieße sich das Blut des Tiers über die Tischfläche. Ich schauderte bei dem Gedanken, wie leicht das hätte passieren können. Wäre das Monster nur zwanzig Zentimeter weiter rechts aufgekommen, wäre es mitten in einem Handarbeitskorb gelandet, aus dem eine spitze Schere aggressiv und zudem halb geöffnet in die Höhe ragte.
Die Frau war inzwischen aufgesprungen und hatte begonnen, hysterisch den Kater zu beschimpfen. In dem Moment erschien ein Mann im Türrahmen, der ein gewichtiges Eisenteil heranschleppte. von dem ich hoffte, dass er es auf die Katze werfen würde - damit wäre mein Problem "Feind im Haus" ein für allemal sauber gelöst gewesen.
"Hallo Schatz, was ist denn hier passiert - ich sach ja, Charly ist inzwischen viel zu alt und fett, um sich um die Mäuse hinterm Schrank zu kümmern. Die letzte konnte sogar entkommen, obwohl - ich glaube, irgendwie hat er sie wohl erwischt. Aber jetzt lösen wir das Problem ein für allemal. Wir heben mit diesem Wagenheber hier den Bücherschrank an und schieben ihn zur Seite, dann kommen wir bequem ans Mauseloch heran und räuchern es aus. Falls da noch welche drin sitzen."
Mann, ich saß ja noch nicht mal richtig drin.
Und sehr schön, dass das Problem dieser Leute dann gelöst war.
Meins aber nicht.
Das LMAA* galt nach wie vor. Ich war gehalten, es zu erfüllen.
Was tun?
______
Anm. d. Hg.
*LMAA = Lex Murium Aurea Altissima - Das Höchste Goldene Mäuse-Gesetz;
Art.1 - Nulla mansio sine mure - Kein Haus ohne Maus
Der verschwundene Werwolf
Helga Rougui
Der verschwundene Werwolf
Was so passiert auf dem Dorfe
Nichts.
Nichts? Das ist nicht wahr.
Ich bekam vor zwei Wochen den Schreck des Jahrhunderts, als Fridolin, die schwarz-weiße Katze unseres Nachbarn, plötzlich in orange-weißes Fell gewandet über die Wiese fegte.
Ziehen sich Katzen jetzt neuerdings um? Womöglich zum Dinner ganz in Schwarz? Und werfen sie sich in Festkleidung, wenn sie in die Oper sprich ins Dorfgemeinschaftshaus ausgehen?
Ich merke gerade, dass ich wohl zu viele ältere englische Romane gelesen habe, denn der entscheidende Punkt ist doch der:
Was für eine fremde Katze war das denn? Und was ist aus Fridolin geworden? Ist er verschieden? Hat man ihn ersetzt? Weil er frech oder schwanger war? Ist er weggelaufen? Wohin? Ist es in Eimelrod oder in Welleringhausen schöner? Leckerer vielleicht?
Wir hatten früher, als ich klein war, auch Katzen, darunter eine, die eine Wanderkatze war, denn sie war schon mal gerne tagelang unterwegs, um sich von den Nachbarn dick und fett füttern zu lassen.
Vielleicht war die neue Katze ja so eine? Aber sie wirkte so, als sei sie bei den Nachbarn zu Hause, sie lief zielgerichtet Richtung Haustür und kannte ihren Weg.
Ich erinnerte mich an unseren Cäsar, eine orange Katze mit weißen Pfötchen, die eine Zeitlang unser Familienleben begleitete und auf einer stark befahrenen Straße hinter unserem Grundstück zu Tode kam. Ich als Älteste wurde zur Identifikation des Leichnams verdonnert und sehe noch heute den langgstreckten kleinen Fellkörper vor mir, wie er da reglos am Straßenrand lag.
Aber hier im Dorf eine stark befahrene Straße? Die Anwohner der Dorfstraße nicken gerade eifrig, sie haben die Freude, einen Lkw nach dem anderen tagtäglich an sich vorbeizischen zu sehen. Kein Vergleich mit Am Berghof, wo wir jedes Auto, das vorbeifährt, jubelnd und Fahnen schwenkend begrüßen!
Vielleicht sind aber auch gar nicht die Autos an Fridolins Verschwinden schuld. Vielleicht handelt es sich weniger um ein Drama als um einen gelungenen Liebesfilm. Vielleicht hat Fridolin zwischen den Bäumen unserer Wälder die Waschbärin seines Lebens getroffen und lebt jetzt mit ihr und ihren zwölf Waschbärbabys fröhlich und glücklich bis an sein Lebensende in ihrem Waschbärbau. Oder er hat sich vielleicht in irgendeine freundliche Kuh verliebt und ist zu ihr in den Kuhstall gezogen, und der verständnisvolle Landwirt hat ihn sozusagen adoptiert und fürderhin auch seine Ernährung übernommen.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Möglichkeiten, Überlegungen, Vermutungen.
Alles möglich, nichts sicher, nichts bewiesen.
Ich dachte bereits daran, einen Thriller mit den Titel "Die verschwundene Katze - doch ein Werwolf?" zu schreiben.
Da, gestern abend, wir saßen zusammen im Wohnzimmer, sagte plötzlich mein Mann, als er aus dem Fenster auf die Terrasse schaute:
"Übrigens, da ist Fridolin. Sitzt gerade bei der Weihnachtsdeko (wir sind etwas langsam im Abdekorieren) auf dem Rasen und putzt sich."
Wie schön.
Da ist er wieder da.
Oder war gar nicht weg.
Schuld war vermutlich der Schnee. Welche schlaue Katze verlässt denn das Haus, wenn der Schnee (fast) einen halben Meter hoch liegt?
Wer verlässt überhaupt das Haus, wenn der Schnee egal wie hoch liegt?
Aber schön siehts aus, oder?
P.S. Ich danke meiner Zeitungsfrau, die, egal obs schneit, regnet, stürmt, jeden Morgen in der Woche die Zeitung bringt.
Micky Maus
Helga Rougui
Micky Maus
Anfang der Sechziger.
Endlich Sommerferien.
Es geht nach Italien, per Bahn, die ganze Familie freut sich.
Der Papa, überzeugter und belesener Deutschlehrer, in Erwartung wochenlanger Erholung und antiker Überreste und allerbesten Rotweins, die Mama denkt sehnsüchtig an große Scheiben Mortadella, Riesenmelonen und endlich Sonne satt, und die kleine Dani weiß, dass sie mit ihren sieben Jahren endlich alt genug ist, um Holzsandälchen mit Absatz zu tragen. Als große Daniela wird sie einherstöckeln, und dazu gibt es noch ein Micky-Maus-Heft, auf Italienisch Topolino, was der Papa für Schund hält. Dani kann zwar die Sprache nicht, aber die Bilder angucken kann sie sehr wohl und freut sich daran.
Auf zum Bahnhof also, drei Plätze im Liegewagen, die Alpen werden überquert, und am nächsten Tag ist man in Italien.
Nach der ersten Nacht in Milano geht es mit dem Zug weiter nach Rom, es ist August, also heiß, der Zug ist voll, auch das Abteil, in dem die Eltern mit der kleinen Dani sitzen. Die vier Plätze an der Fensterseite werden von einer lautstarken italienischen Familie eingenommen. Um die Mittagszeit hieven sie ihren Koffer auf die Knie, der als Tisch dient. Fettglänzende Pergamentpapierpakete werden geöffnet, darin frittierter Fisch, frittierte Calamares, frittierte Cozze, das ganze Abteil riecht danach und wird dazu eingeladen.
Die drei Tedeschi sitzen auf der Gangseite, und ein Platz gehört einem Geistlichen in langer schwarzer Soutane, der freundlich lächelnd zugestiegen ist und sich hin und wieder auf dem Gang die Beine vertritt, genau wie der deutsche Papa. Der Regionalzug ist langsam, und ab und an muss man Luft schnappen.
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Als sich der Vater wieder einmal im Gang befindet, kommt Dani zu ihm hinaus. Sie schaut mit ihm durchs Fenster, Bäume, Hügel, Dörfer, Kühe fliegen vorbei, oder sind sie es, die an ihnen vorbeifliegen.
Dani schweigt.
"Was ist denn, meine Kleine? Du sagst ja gar nichts. Gefällt dir die Reise nicht?"
"Doch, Papa, schon. Aber die Leute sind echt blöd."
"Wieso das denn? Die nette Familie hat uns doch sogar Fisch angeboten."
"Ja schon, und der war auch ganz lecker. Aber ---"
"Aber was?"
"Die haben meinen Topolino gegessen. Der ist nämlich weg."
Der Vater erinnert sich, Topolino ist das Comicheft, das sie der Kleinen vor der Abfahrt aus Mailand in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft haben.
"Also, ich glaube nicht, dass sie das Heft gegessen haben, man isst doch kein Papier."
"Aber es ist weg. Ich habe überall gesucht, es ist in keiner Ritze, und auf dem Boden auch nicht. Es ist nicht mehr da, und sie haben es gegessen."
Der Vater versucht das Töchterchen zu beruhigen, er sagt, man werde im Abteil noch einmal alles absuchen, das Heft werde sich sicher finden.
Gesagt, getan. Alle helfen mit, die italienische Familie, der Pater, alle schauen auf dem Boden und in den Ritzen zwischen den Sitzen nach, nichts.
Dani sitzt traurig da, hat nichts zu "lesen", wundert sich.
Sie döst ein wenig, trinkt einen Schluck Wasser, schreckt hoch, als sich der Pater ihr gegenüber erhebt, die Schiebetür des Abteils aufzieht und auf den Gang hinaustritt.
Und da liegt es, das Topolinoheft, auf dem Sitz des Geistlichen.
Leicht zerknautscht - Dani schnappt es sich, es ist noch warm von der Sitzfläche des Herrn.
Der Vater lacht leise und denkt sich, tja, Comics sind echt fürn Arsch …