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Biker und Beeren - Weekend in Willingen

Einen kurzen Moment an diesem Freitagmorgen denke ich, ich bin auf der Isle of Man, mitten in der Irischen See, kurz vor dem Tourist Trophy Rennen, dem gefährlichsten Straßenrennen der Welt.

Aber die drei chromblitzenden Harleys neben meinem Auto stehen sanft und still verteilt über zwei Parkplätze vorm Rewe Willingen, geballte Motorenkraft, die schläft. Es ist Harley Davidson Wochenende. Die Bike Week Willingen ist das größte Harley-Treffen der Welt ... okay, da sind noch Hamburg und Faak ... also - das größte Harley-Treffen zwischen Nordsee und Kärnten. Sage Motorrad - und du denkst monumental. Immer die Harley, die der Biker grad fährt, ist die beste Maschine der Welt. Die Konkurrenz schläft zwei Campingplätze weiter in Vöhl-Herzhausen - das jährliche Edersee-Goldwing-Treffen versammelt 220 Clubmitglieder mit ihren Goldwings, den besten Maschinen der Welt. Von Samstag vormittag bis in den späten Nachmittag hinein dröhnt die Bundesstraße oberhalb meines Dorfes. Schwungweise flitzen sie vorbei, die Biker. Auf die Entfernung kann man mit bloßem Auge nicht erkennen, welche Modelle unterwegs sind. Fachleute unterscheiden natürlich nach dem satten Sound, den die Maschinen veranstalten. Das Geräusch erinnert mich wieder an das TT-Rennen auf der IOM - es klingt in meinen Ohren besser als das Rumpeln der LKWs und Sattelschlepper in der verkehrsberuhigten Vorstadtstraße, in der ich bis 2019 wohnte. Im Rewe sehe ich - es ist endlich Juli. Johannisbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren. Ich wollte eigentlich nur schnell ein Toastbrot holen ... aber da fällt mir ein - ich brauche sie nicht zu kaufen, die Beeren, ich habe zwei Johannisbeersträucher rot, einen Strauch Johannisbeeren schwarz und einen Strauch rote Stachelbeeren in meinem Garten. Ich ziehe an den Beeren vorbei Richtung Brotregal und fasse einen Plan. Ich bin, das muß ich zugeben, nicht so sehr der Outdoor-Mensch. Fehlende Mobilität und die Mühsal, einen sehr schweren Körper herumzuschleppen, vereinigen sich. Ich bin sehr stolz darauf, daß ich es schaffe, selbst im Rewe einzukaufen. Auf diese Weise kann ich vor Ort alles ansehen und entscheiden, was ich möchte und was nicht, und zudem den ganzen nutzlosen Quatsch kaufen, den mir mein Mann dank seiner gezielt-effektiven männlichen Einkaufsstrategie niemals mitbringen würde. Zurück zu den Beeren. Um an meine vier Sträucher zu kommen, muß ich an den Mülltonnen vorbei ein Stück über die vordere Wiese rollen. Der Rollator ist dank einer unfreundlichen Hüftarthrose mein ständiger Begleiter. Für grasknubbelige Wiesen ist er eigentlich nicht geschaffen, und dementsprechend langsam komme ich voran. Ich fluche leise, wenn mir der Schmerz ins abgewetzte Gelenk schießt - ich hätte eine Schmerztablette nehmen sollen. Der erste Strauch ist einer der beiden roten Johannisbeersträucher. Er hängt übervoll mit kleinen roten Perlen. Nun fängt die Abzupferei an, für die ich im Grunde überhaupt keine Geduld aufbringe. Der Zweig, an dem die reichste Beute baumelt, ist natürlich am weitesten von mir entfernt. Mit einer meiner Krücken könnte ich ihn zu mir heranziehen, aber die stehen im Haus, und ich habe nicht den Nerv, über die Wiese hin und zurück zu hoppeln, um sie zu holen. Ich zupfe weiter. Plötzlich erscheint die Nachbarin, wir begrüßen uns, und dann hat sie, in Gartenangelegenheiten erfahren, eine blendende Idee. Anstatt einzelne Beeren zu zupfen, warum nicht die ganzen Zweige abschneiden? So kann man sich beim Abzupfen gemütlich an den Küchentisch setzen, und gleichzeitig wird der Strauch ausgedünnt, so daß er im nächsten Jahr prächtiger denn je wiederauferstehen wird. Sie kommt also rüber mit ihrer Gartenschere und macht sich ans Werk. Wir teilen uns die Beute - es sind viele. viele Beeren, und es scheint, als wisse meine Nachbarin genau, was sie damit anstellen wird. Wir sind ungefähr gleich alt, und ich habe im Gegensatz zur ihr überhaupt keinen Plan diese Dingerchen betreffend - außer sie zu essen natürlich. Die Sonne ist inzwischen herausgekommen, es beginnt warm zu werden - zu warm für unsere alten Knochen. Jetzt koch ich mir erst mal einen Kaffee, sagt sie, bevor sie geht. Und ich bedanke mich und denke, gute Idee. Und versäume die Gelegenheit, sie zu fragen, ob wir ihn nicht zusammen trinken wollen, diesen Kaffee. Auch wenns in meinem Fall eher ein Täßchen Tee wäre. Einen kurzen Moment an diesem Freitagmorgen denke ich, ich bin auf der Isle of Man, mitten in der Irischen See, kurz vor dem Tourist Trophy Rennen, dem gefährlichsten Straßenrennen der Welt. Aber die drei chromblitzenden Harleys neben meinem Auto stehen sanft und still verteilt über zwei Parkplätze vorm Rewe Willingen, geballte Motorenkraft, die schläft. Es ist Harley Davidson Wochenende. Die Bike Week Willingen ist das größte Harley-Treffen der Welt ... okay, da sind noch Hamburg und Faak ... also - das größte Harley-Treffen zwischen Nordsee und Kärnten. Sage Motorrad - und du denkst monumental. Immer die Harley, die der Biker grad fährt, ist die beste Maschine der Welt. Die Konkurrenz schläft zwei Campingplätze weiter in Vöhl-Herzhausen - das jährliche Edersee-Goldwing-Treffen versammelt 220 Clubmitglieder mit ihren Goldwings, den besten Maschinen der Welt. Von Samstag vormittag bis in den späten Nachmittag hinein dröhnt die Bundesstraße oberhalb meines Dorfes. Schwungweise flitzen sie vorbei, die Biker. Auf die Entfernung kann man mit bloßem Auge nicht erkennen, welche Modelle unterwegs sind. Fachleute unterscheiden natürlich nach dem satten Sound, den die Maschinen veranstalten. Das Geräusch erinnert mich wieder an das TT-Rennen auf der IOM - es klingt in meinen Ohren besser als das Rumpeln der LKWs und Sattelschlepper in der verkehrsberuhigten Vorstadtstraße, in der ich bis 2019 wohnte. Im Rewe sehe ich - es ist endlich Juli. Johannisbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren. Ich wollte eigentlich nur schnell ein Toastbrot holen ... aber da fällt mir ein - ich brauche sie nicht zu kaufen, die Beeren, ich habe zwei Johannisbeersträucher rot, einen Strauch Johannisbeeren schwarz und einen Strauch rote Stachelbeeren in meinem Garten.Ich ziehe an den Beeren vorbei Richtung Brotregal und fasse einen Plan. Ich bin, das muß ich zugeben, nicht so sehr der Outdoor-Mensch. Fehlende Mobilität und die Mühsal, einen sehr schweren Körper herumzuschleppen, vereinigen sich. Ich bin sehr stolz darauf, daß ich es schaffe, selbst im Rewe einzukaufen. Auf diese Weise kann ich vor Ort alles ansehen und entscheiden, was ich möchte und was nicht, und zudem den ganzen nutzlosen Quatsch kaufen, den mir mein Mann dank seiner gezielt-effektiven männlichen Einkaufsstrategie niemals mitbringen würde. Zurück zu den Beeren. Um an meine vier Sträucher zu kommen, muß ich an den Mülltonnen vorbei ein Stück über die vordere Wiese rollen. Der Rollator ist dank einer unfreundlichen Hüftarthrose mein ständiger Begleiter. Für grasknubbelige Wiesen ist er eigentlich nicht geschaffen, und dementsprechend langsam komme ich voran. Ich fluche leise, wenn mir der Schmerz ins abgewetzte Gelenk schießt - ich hätte eine Schmerztablette nehmen sollen. Der erste Strauch ist einer der beiden roten Johannisbeersträucher. Er hängt übervoll mit kleinen roten Perlen. Nun fängt die Abzupferei an, für die ich im Grunde überhaupt keine Geduld aufbringe. Der Zweig, an dem die reichste Beute baumelt, ist natürlich am weitesten von mir entfernt. Mit einer meiner Krücken könnte ich ihn zu mir heranziehen, aber die stehen im Haus, und ich habe nicht den Nerv, über die Wiese hin und zurück zu hoppeln, um sie zu holen. Ich zupfe weiter. Plötzlich erscheint die Nachbarin, wir begrüßen uns, und dann hat sie, in Gartenangelegenheiten erfahren, eine blendende Idee. Anstatt einzelne Beeren zu zupfen, warum nicht die ganzen Zweige abschneiden? So kann man sich beim Abzupfen gemütlich an den Küchentisch setzen, und gleichzeitig wird der Strauch ausgedünnt, so daß er im nächsten Jahr prächtiger denn je wiederauferstehen wird. Sie kommt also rüber mit ihrer Gartenschere und macht sich ans Werk. Wir teilen uns die Beute - es sind viele. viele Beeren, und es scheint, als wisse meine Nachbarin genau, was sie damit anstellen wird. Wir sind ungefähr gleich alt, und ich habe im Gegensatz zur ihr überhaupt keinen Plan diese Dingerchen betreffend - außer sie zu essen natürlich. Die Sonne ist inzwischen herausgekommen, es beginnt warm zu werden - zu warm für unsere alten Knochen.- Jetzt koch ich mir erst mal einen Kaffee, sagt sie, bevor sie geht. Und ich bedanke mich und denke, gute Idee. Und versäume die Gelegenheit, sie zu fragen, ob wir ihn nicht zusammen trinken wollen, diesen Kaffee. Auch wenns in meinem Fall eher ein Täßchen Tee wäre.

 

 

 

Helga Rougui

"Ich ging im Walde so für mich hin ..." - was Goethe im Sinn hatte, als er durchs Unterholz schlich, können wir ihn nicht mehr fragen, denn er ist tot - ich bins (noch) nicht, und wer Fragen zu meinen Geschichten hat oder sich vielleicht allgemein übers Schreiben austauschen möchte, der oder die sei herzlich eingeladen, mir zu schreiben:

Helga Waste Rougui

Am Berghof 6

34508 Willingen

Mail an mich....

Und nun die Juni-Geschichte:

Bukowski

Bukowski ist mein Nachbar. Er heißt nach dem berüchtigten Underground-Dichter - warum, liegt auf der Hand, wenn Sie ihn näher kennen.

Wir sitzen in der Blende in D...dorf-Bilk, Micha "Mikey" und ich. Draußen regnets, es ist fast Mitternacht. Bukowski kommt rein, pitschnaß, latscht an unseren Tisch und stiert mich an, als ob ich wissen müsse, was er von mir will. Er schwankt ein bißchen, das ist normal, wirkt insgesamt etwas verbeult, ebenfalls normal. Auch hat er seine Zigarette nicht ausgemacht. Maria, die Wirtin, guckt rüber - als sie sieht, es ist Bukowski, klappt sie den Mund wieder zu - alles normal. Bukowski stiert mich an. Mikey feixt. Wir schweigen ne Weile. Ich sag bißchen undeutlich Bukowski setz dich erst mal du tropft in mein bier wasnlos was guckst du so Bukowski wirft die Kippe auf den Boden, drückt sie mit dem Absatz aus, nimmt mein Bier, trinkt es auf ex und schweigt. Micha umschließt sein Bierglas fest mit beiden Händen. Dann nach ner Weile merkt Bukowski, daß er Michas Bier nicht kriegen wird, und sagt: "Ey Daniel, ich hab ne Wette gewonnen. Aber so RICHTIG, ja. Du glaubst es nicht - zwei Millionen Euro. Bar auf die Kralle. Nä nä nä." Er klopft auf seine rechte, ziemlich ausgebeulte Jackentasche. Was hat er da drin - ne Melone? Endlich setzt er sich auf den dritten freien Stuhl, stützt die Ellbogen auf den Tisch und hält sich den Kopf mit beiden Händen, als ob er Angst hat, er werde ihm abfallen, der Kopf, wenn er ihn losließe. Ich befinde mich scheints in einer etwas schwierigen Ausdrucks- und vor allem Begreifphase - daher ist meine Reaktion erst mal:"Hä?" Micha feixt, hält sein Bier weiter fest - man kann nie wissen - und kapiert noch weniger als ich. Bukowski dreht sich zur Wirtin um und ruft, während er in seiner Jackentasche rumnestelt wie Bilbo, der nach dem Ring fingert:"Eine Maaaagnum Champagner, aber dalli!" In der Kneipe wird es totenstill. Jetzt beginne ich zu begreifen, daß Bukowski keinen Witz gemacht hat. Ich rufe - wie ich meine - geistesgegenwärtig hinterher: "Warn SCHERZ Maria!" - und alle, die die Luft angehalten haben, atmen aus, die Gespräche setzen wieder ein, Maria hat sowieso nichts gehört, weil sie grad mit dem Kopf unterm Tresen steckt - wieder irgendwas mit der verfickten Cola-Zuleitung, meine Güte wer trinkt schon Cola - Moment wo war ich? Ich mache zu Bukowski Schschschschhhhhh bist du plemplem - sei leise Mann und nimm die Finger aus der Tasche. (Nur nicht auffallen im Gasthaus Zum Tänzelnden Pony.) Komm Buko wir trinken erst mal nochn Bier - und dann erzähl. Das Bier kommt, wir trinken, Bukowski erzählt: "Gerade eben, gegen elf, ich komm ausm Uerige und geh da so Richtung Rheinufer, da komm ich an diesem kleinen Shisha-Bistro vorbei, Kasbah heißt das glaub ich, und plötzlich fliegt da einer durch die Tür raus aufs Pflaster direkt mir vor die Füße. Ein Scheich. Ich denk so, tolle Verkleidung, sieht richtig echt aus, alles dran, Schleier, Burnus, und dieses schwarze Kordelding, das den Schleier auf dem Kopf hält. Einen schwarzen Rauschebart hat der auch, wie der Prophet persönlich, war aber nicht so nüchtern wie der Prophet, das war mal klar. Er krümmt sich ein bißchen, und ich helfe ihm auf. Nicht ganz leicht, so sicher war ich auch nicht mehr auf den Beinen. Wir klammern uns schwankend aneinander, landen erst mal wieder in ner Pfütze, ziemlich feuchte Angelegenheit. Es dauert was, bis wir dann aufrecht stehen, und der Scheich sagt ziemlich polyglott und eloquent:- Du bist - du bist - der erste nette Mensch hier in diesem Kackdorf - da regnets eher in der Wüste als daß einem in diesem Land mal einer hilft, ohne gleich was dafür haben zu wollen oder nen Vortrag zu halten -Ich sage leicht mäandernd: - Ich hab nix für und trag nix vor - und dann schießt mir plötzlich wie ein Blitz ein Gedanke durch den Kopf: - ... und im übrigen hats grad geregnet in deiner Wüste, Kumpel. Der Scheich guckt wie ein Ferrari vorm Start, gluckst vor Lachen und entgegnet: - Ha ha, nie und nimmer - wetten, daß nicht? Und ich: - Ha ha, ganz sicher - wetten, daß doch? Um wieviel? - Um 2 Millionen Euro - mehr hab ich nicht dabei. Ich sage okay, kein Problem für mich. Ja ja, Wettschulden sind Ehrenschulden. Woher soll ich 2 Millionen Euro nehmen im Fall, daß ich verliere? - was einigermaßen wahrscheinlich ist?Das kratzte mich aber grad nicht so - weil n bißchen blau war ich natürlich auch - und ich dachte mir, wenn es hart auf hart kommt, laufe ich immer noch schneller als der Wüstenfürst in seinem bodenlangen Kleid. Also wir zurück ins Bistro. An den Wänden, aufgereiht wie Zimmerpflanzen, ne Menge Bodyguards, und die waren nicht im Kostüm, sondern berufstypisch hammerpraktisch gekleidet. Sie sahen aus, als ob sie nen guten Sprint hinlegen könnten, wenns drauf ankäme. Ich schluckte. Der Scheich sagte dem Chefscheich - äh dem Wirt - er möge den Fernseher anmachen. Satellit - kein Problem - Al Jazeera English - es liefen grad Nachrichten, dann der Wetterbericht -und was soll ich euch sagen -Bukowski hebt sein Bier, trinkt, und fährt fort:- ... es hatte geregnet in der Wüste! Der Rest war schnell erzählt. Der Scheich, im Gegensatz zu Bukowski ein Ehrenmann, setzte seine Übermacht an Bodyguards nicht ein, um sein Geld zu retten. Und so stolperte Bukowski gegen halb 12 Uhr nachts durch die Altstadt zum nächsten Taxistand, seine Jackentasche ausgebeult von einigen Bündeln 1000 Euroscheinen, und fuhr zur Blende, die ja praktisch unser Wohnzimmer ist. Ein, zwei Scheinchen hatte er aus der Tasche gefischt, um den Taxifahrer zu bezahlen - "stimmt so" - der daraufhin sofort Feierabend machte für den Rest des Monats.

Ja, ja, das Wetter und die Wetter.

Immer für eine Geschichte gut.

 

 

 

Ein Geschichte von früher passend zur aktuellen Lage....

Wer ist der Feind?

Der Herrscher

"Wie können sie uns dermaßen herausfordern, diese Verräter übelster Gesinnung, die ihre Waffen von uns feindlich gesinnten Staaten beziehen?" sagte der König und betrachtete sein Gesicht im Spiegel, während er sich die Hände wusch. "Mit unserem Angriff sind wir ihnen lediglich zuvorgekommen. Wir wollen sie zurück. Sie gehören, gehörten schon immer zu uns. Sie gehören uns. Sie gehören mir."

Er nahm das Handtuch, das ihm ein Lakai reichte, und trocknete sich die Hände. Er verließ das Bad und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück, das zu dieser späten Abendstunde seltsam still und verlassen dalag nach all dem Trubel und Kommen und Gehen, nach all den Generälen, Besuchern, Mitarbeitern und Boten, die immer wieder neue Nachrichten von der Front brachten.

Es lief nicht so gut, wie es sollte. Aber er war mit seinen Mitteln noch nicht am Ende. Er verbot sich selbst, allzu oft an seine Geheimwaffe zu denken, den fürchterlichsten feuerspeienden Drachen, den der Teufel je ersonnen hatte - als könne ihn dieses Kreisen seiner Gedanken um ihn vorzeitig zum Leben erwecken.

Er wußte, wenn er ihn weckte, dann wäre es auch um ihn geschehen, dann würde ihm wie allen anderen, Freund oder Feind, das Fleisch von den Knochen gebrannt. Aber das war es ihm wert. Die Feinde würden bis ins Mark getroffen verglühen im Feuer des Untiers, das war das, was zählte, und nichts sonst.

Er setzte sich an den polierten Mahagonitisch, an dem er die Besprechungen abzuhalten pflegte. Ein leichtes Abendmahl war serviert, ein knuspriges, goldbraun gebratenes Rebhuhn mit frischgestochenem Spargel und ein leichter Weißwein. Er merkte, wie hungrig er war, riß einen Schenkel ab von dem Geflügel und biß herzhaft hinein.

Er hatte die Macht. Er würde siegen.

Die Frau

Der Abend kam. Sie stand am Fenster, schaute auf die verlassene Dorfstraße, die sich allmählich im aufsteigenden Nebel verlor, der vom Fluß herüberwehte. Sie wußte, sie wartete vergebens. Seine Gestalt würde nicht aus den weißen Schleiern heraustreten, er würde nicht die Türe öffnen, nicht eintreten in die Wärme der Wohnstube, in deren Kamin ein kleines Feuer brannte.

Sie seufzte, wandte sich dem Herd zu, der in einer Ecke des Raumes stand, rührte die Suppe um. Sie verteilte zwei Teller und zwei Löffel auf dem klobigen Holztisch, der in der Mitte stand, besann sich und nahm einen Teller und einen Löffel wieder fort.

Während sie sich Suppe auftat, murmelte sie: "Er wird nicht kommen. Warum mußte er fort? Ich verstehe das alles nicht. Wird er jemals wieder nach Hause kommen?"

Sie nahm einen Löffel Suppe, schluckte, legte den Löffel wieder hin.

Sie schaute aus dem Fenster.

Der Junge

Es war alles so schnell gegangen. Blitzschnell die Mobilisierung kurz nach Neujahr, als die Welt noch in Ordnung und die Familie zusammengekommen war, einigermaßen gefaßt, wenn auch lange nicht erholt von den Schicksalsschlägen des vergangenen Jahres. Der Tod des Vaters, die Krankheit von Mutters einziger Schwester, die magere Ernte, die kaum das Überleben in der kalten Jahreszeit gesichert hatte, all dies wahrlich kein Grund zum Jubeln. Aber man versuchte durchzuhalten, weiterzumachen, an eine Zukunft zu glauben, wie stets.

Er fror.

Sie hatten einen Graben ausgehoben, sich hinter dem Erdwall verschanzt. Der Feind hatte das gleiche getan, nicht weit entfernt. Heftige Gefechte tagsüber hatten Opfer gefordert. Die, deren Schußwunden zu behandeln sich lohnte, hatte man abtransportiert ins Lazarett.

Er saß da, neben ihm ein Fremder, der ihm in wenigen Tagen zum Kumpel geworden war, beide froh, daß sie diesen Tag überlebt hatten.

"Warum sind wir hier? Was haben die anderen uns getan?"

Das, was sich der Fremde fragte, fragte er sich auch.

Er wünschte, er wäre zu Hause, seine Mutter wartete bestimmt schon auf ihn mit der Suppe.

Sein Kumpel reichte ihm ein Stück Brot.

"Abendessen", sagte er.

Der nächste Tag

Am Abend dieses Tages würde der Junge kein Abendbrot mehr brauchen.

Der Feind schoß ihm um exakt 12 Uhr 47 den Kopf weg.

Gestorben als Held im Dienste des Vaterlandes, würde man sagen.

Geschrieben von Helga Rougui