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Geschichten die das Leben schreibt...

Pia

Schon mit vier Jahren trug die kleine Pia ihr goldgelocktes Köpfchen hoch. Niemand hatte so schöne blonde Haare wie sie - das sagte ihr ihre Mama immer wieder. Die kämmte sie jeden Tag eine halbe Stunde lang, so daß ihr Haar prächtig glänzte, besonders wenn ein Sonnenstrahl darauf fiel. Mit sieben Jahren lernte die Kleine, wie man sich die Nägel schweinchenrosa lackiert. Auch liebte sie himmelblaue Schleifchen im Haar und froschgrüne Zopfspangen. Man könnte nun meinen, sie benähme sich dabei wie eine zickige Prinzessin – mitnichten, am liebsten tobte sie mit anderen Kindern auf öffentlichen Spielplätzen herum, sie liebte Pferde in natura und als Spielzeug, und natürlich wollte sie später einmal Pferdewirtin werden.

Mit sieben Jahren kam Pia in die Grundschule – für sie ein Grund zu trauern. Es gab keine Ballspiele mehr an der frischen Luft, die Schleich-Pferde setzten Staub an in der Spielekiste, die Puppen tranken alleine Tee. Pia jedoch saß vor ihrem Arbeitsheft und versuchte die Buchstaben zu lesen und zu schreiben, und sie kämpfte mit den Zahlen von 1 bis 10 – und sie fragte sich, was all das mit Reiten und Pferdekoppeln und Sonne und frischer Luft zu tun hatte. Über all den Lernversuchen wurde Pia krank und verpaßte so die Einübung der Zahlen von 11 bis 20 und weitere Schreib- und Leseübungen. In die Schule zurückgekehrt galt sie bei der Lehrerin als dumm, weil sie das wenige. das sie gelernt hatte, bereits wieder vergessen hatte.

Mit acht Jahren wiederholte Pia das erste Schuljahr – kein Grund zur Freude für sie. Sie hatte zwar jetzt eine andere Lehrerin, aber ihr Hass auf Buchstaben und auch auf Zahlen bestand nach wie vor. Auch der Hinweis, daß sie, um Pferdewirtin zu werden, eine Ausbildung brauche, bei der man wenigstens lesen, schreiben und rechnen können müsse, fruchtete nicht. "Dann werde ich halt Floristin", verkündete sie bockig und hoffte so, die Berufsschule zu umgehen. Nach einer umfassenden Belehrung über die Ausbildung zur Floristin und zu noch ein paar anderen Berufen, in denen das Wort "Berufsschule" ziemlich häufig wiederkehrte, verwarf Pia all diese Zukunftsmöglichkeiten und beschloß, Millionärin zu werden. Wie, wußte sie noch nicht.

Ohne richtig lesen, schreiben und rechnen zu lernen, absolvierte Pia in den nächsten zehn Jahren mehr schlecht als recht diverse Grund- und Hauptschuljahre, und manche doppelt. Gleichzeitig entwickelte sie in ihrer Freizeit eine hohe Fingerfertigkeit, was die Bedienung ihres Smartphone anging, und brachte es zu einer gewissen rasanten Meisterschaft beim Durchblättern von TikTok und im Dauergucken von Netflixserien. Dazu kam ihr vollkommenes Aussehen: lange Beine, blonde, lockige Haare, ein Gesichtchen wie ein Engel, ein Mündchen wie zwei Rosenblätter, ein Gemüt wie ein Wattebausch, ein Figürchen wie eine Barbiepuppe – sie eignete sich – da sie weder singen noch schauspielern konnte – perfekt für eine Karriere als Model.

Pia begann nun, für ihre künftige Tätigkeit gezielt zu üben. Da ihr kein Laufsteg zur Verfügung stand, suchte sie eine andere exponierte Lokalität. Jeden Abend traf man sie in den angesagtesten Clubs, in die sie aufgrund ihres Aussehens mit Leichtigkeit hineinkam, und wenn sie – auf dem Barhocker sitzend – ihre langen Beine übereinanderschlug, bekam die Hälfte aller Männer Stielaugen, und die andere Hälfte begann trocken zu schlucken. Pia nippte an ihrem Champagnerglas, und der dazugehörige edle Spender zog sie mit seinen Blicken aus. Auf der Tanzfläche bewegte sie sich mit vollendeter Anmut – sie tanzte stets für sich allein, was ihr eine Aura der Unnahbarkeit verlieh, die sie noch begehrenswerter machte. So erlangte sie eine gewisse Berühmtheit, zumal da sie immer allein in einem Taxi nach Hause fuhr, was die begehrlichen Träume der Verehrer überborden ließ. Pia erhörte niemanden – sie wartete auf den einen, der sie entdecken würde.

In der Zwischenzeit stellte sich heraus, daß Pia bei aller Genügsamkeit nicht von ein, zwei Gläsern Champagner jeden Abend leben konnte. Der Traum, Pferdewirtin zu werden, war schon lange ausgeträumt, und hatte es da nicht mal die flüchtige Idee gegeben, eine Million ihr eigen zu nennen? Nun hatte Pia in ihrem Leben noch keinen Lottoschein ausgefüllt geschweige denn abgegeben – alles, was auch nur im entferntesten mit Zahlen zu tun hatte, wurde von ihr strikt gemieden – und das verringerte ihre Chance auf einen Hauptgewinn beträchtlich. Sie fand einen Job in einem Hundesalon, in dem sie den ganzen Tag ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte. Das Haarekämmen – egal welche – machte ihr einen Riesenspaß, und sie brachte es zu einer gewissen Meisterschaft im Erfinden von Hundefrisurkreationen, die besonders die Damen der Oberschicht als Kundinnen anlockte.

Eines Vormittags, als Pia im Park gegenüber dem Haus, in dem sie ein Appartement bewohnte, ihr eigenes wohlfrisiertes Hündchen ausführte, traf sie auf einen Hundebesitzer, den sie dort noch nie gesehen hatte. Sie kamen über den Mops, den dieser an der Leine führte, ins Gespräch, und Pia dachte gerührt, daß er selber ein wenig wie ein Mops aussehe, niedlich und schutzbedürftig. Wie sich herausstellte, hatte er im Viertel eine Bäckerei aufgemacht, in der er die köstlichsten Torten und exquisites Gebäck herstellte. Für den Cafébereich suchte er noch eine freundliche Bedienung. Daß er für sein Leben eine freundliche Ehefrau suchte, verschwieg er zunächst – das kam erst später zur Sprache, als Pia schon drei Monate bei ihm gearbeitet hatte. Der Bäcker sank also vor Pia auf ein Knie und bot ihr den obligaten Diamantring dar – durch seinen Antrag befreite er sie von sämtlichen Servier- und vor allem Kassiertätigkeiten, deren Ausübung inzwischen bei ihr zu einer tiefen Melancholie geführt hatte, wollte sie doch keineswegs die florierende Entwicklung des Geschäfts behindern, was zu vermeiden ihr aber immer weniger gelang. Im Klartext – Pia konnte immer noch nicht rechnen und würde es nie können. Genau das liebte ihr zukünftiger Ehemann an ihr – daß sie ihr Leben nicht berechnend lebte, dafür aber entzückend unberechenbar, voller sprühender Ideen und eigenwilliger Gedanken, wenn man sie nur mit diesen blöden Zahlen in Ruhe ließ.

Die Hochzeit fand im kleinsten Kreise statt und - wer hätte das gedacht – die beiden lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Ach – nur eins noch: nach Jahr und Tag bekamen sie eine Tochter, goldlockig und lieblich anzusehen, die dermaleinst in Harvard Mathematik studieren und dort eine Professur innehaben sollte.

 

Geschrieben von Helga Rougui

Ein Geschichte von früher passend zur aktuellen Lage....

Wer ist der Feind?

Der Herrscher

"Wie können sie uns dermaßen herausfordern, diese Verräter übelster Gesinnung, die ihre Waffen von uns feindlich gesinnten Staaten beziehen?" sagte der König und betrachtete sein Gesicht im Spiegel, während er sich die Hände wusch. "Mit unserem Angriff sind wir ihnen lediglich zuvorgekommen. Wir wollen sie zurück. Sie gehören, gehörten schon immer zu uns. Sie gehören uns. Sie gehören mir."

Er nahm das Handtuch, das ihm ein Lakai reichte, und trocknete sich die Hände. Er verließ das Bad und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück, das zu dieser späten Abendstunde seltsam still und verlassen dalag nach all dem Trubel und Kommen und Gehen, nach all den Generälen, Besuchern, Mitarbeitern und Boten, die immer wieder neue Nachrichten von der Front brachten.

Es lief nicht so gut, wie es sollte. Aber er war mit seinen Mitteln noch nicht am Ende. Er verbot sich selbst, allzu oft an seine Geheimwaffe zu denken, den fürchterlichsten feuerspeienden Drachen, den der Teufel je ersonnen hatte - als könne ihn dieses Kreisen seiner Gedanken um ihn vorzeitig zum Leben erwecken.

Er wußte, wenn er ihn weckte, dann wäre es auch um ihn geschehen, dann würde ihm wie allen anderen, Freund oder Feind, das Fleisch von den Knochen gebrannt. Aber das war es ihm wert. Die Feinde würden bis ins Mark getroffen verglühen im Feuer des Untiers, das war das, was zählte, und nichts sonst.

Er setzte sich an den polierten Mahagonitisch, an dem er die Besprechungen abzuhalten pflegte. Ein leichtes Abendmahl war serviert, ein knuspriges, goldbraun gebratenes Rebhuhn mit frischgestochenem Spargel und ein leichter Weißwein. Er merkte, wie hungrig er war, riß einen Schenkel ab von dem Geflügel und biß herzhaft hinein.

Er hatte die Macht. Er würde siegen.

Die Frau

Der Abend kam. Sie stand am Fenster, schaute auf die verlassene Dorfstraße, die sich allmählich im aufsteigenden Nebel verlor, der vom Fluß herüberwehte. Sie wußte, sie wartete vergebens. Seine Gestalt würde nicht aus den weißen Schleiern heraustreten, er würde nicht die Türe öffnen, nicht eintreten in die Wärme der Wohnstube, in deren Kamin ein kleines Feuer brannte.

Sie seufzte, wandte sich dem Herd zu, der in einer Ecke des Raumes stand, rührte die Suppe um. Sie verteilte zwei Teller und zwei Löffel auf dem klobigen Holztisch, der in der Mitte stand, besann sich und nahm einen Teller und einen Löffel wieder fort.

Während sie sich Suppe auftat, murmelte sie: "Er wird nicht kommen. Warum mußte er fort? Ich verstehe das alles nicht. Wird er jemals wieder nach Hause kommen?"

Sie nahm einen Löffel Suppe, schluckte, legte den Löffel wieder hin.

Sie schaute aus dem Fenster.

Der Junge

Es war alles so schnell gegangen. Blitzschnell die Mobilisierung kurz nach Neujahr, als die Welt noch in Ordnung und die Familie zusammengekommen war, einigermaßen gefaßt, wenn auch lange nicht erholt von den Schicksalsschlägen des vergangenen Jahres. Der Tod des Vaters, die Krankheit von Mutters einziger Schwester, die magere Ernte, die kaum das Überleben in der kalten Jahreszeit gesichert hatte, all dies wahrlich kein Grund zum Jubeln. Aber man versuchte durchzuhalten, weiterzumachen, an eine Zukunft zu glauben, wie stets.

Er fror.

Sie hatten einen Graben ausgehoben, sich hinter dem Erdwall verschanzt. Der Feind hatte das gleiche getan, nicht weit entfernt. Heftige Gefechte tagsüber hatten Opfer gefordert. Die, deren Schußwunden zu behandeln sich lohnte, hatte man abtransportiert ins Lazarett.

Er saß da, neben ihm ein Fremder, der ihm in wenigen Tagen zum Kumpel geworden war, beide froh, daß sie diesen Tag überlebt hatten.

"Warum sind wir hier? Was haben die anderen uns getan?"

Das, was sich der Fremde fragte, fragte er sich auch.

Er wünschte, er wäre zu Hause, seine Mutter wartete bestimmt schon auf ihn mit der Suppe.

Sein Kumpel reichte ihm ein Stück Brot.

"Abendessen", sagte er.

Der nächste Tag

Am Abend dieses Tages würde der Junge kein Abendbrot mehr brauchen.

Der Feind schoß ihm um exakt 12 Uhr 47 den Kopf weg.

Gestorben als Held im Dienste des Vaterlandes, würde man sagen.

Geschrieben von Helga Rougui